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Alexandre Mirlesse : "Die europäische Identität beruht auf Widersprüchen"

Actualité 03.02.2010

Während einer langen Reise quer über den europäischen Kontinent schrieb Alexandre Mirlesse sein erstes Buch: En attendant l’Europe [Warten auf Europa]. Dieses kleine Buch, in dem sich Interviews mit Intellektuellen und persönliche Gedanken des Autors abwechseln, bringt frischen Wind in die Europa-Debatte. Ost-West-Beziehungen, Kultur und Politik, die Pluralität der europäischen Identität oder der Stellenwert des Cafés als Ort des Gedankenaustauschs sind nur einige der von Alexandre Mirlesse angeschnittenen Themen.

 

Video (Französisch) (09'30)

 

 

 

 

 

Touteleurope.fr: En attendant l’Europe ist die Frucht einer einjährigen Reise quer durch Europa. Wie kam Ihnen die Idee, dieses Buch zu schreiben?


Der gebürtige Genfer Alexandre Mirlesse lebt heute in Paris. Er absolvierte 2005 die Aufnahmeprüfung an der renommierten Ecole Normale Supérieure in Paris und studiert dort seitdem vergleichende Literaturwissenschaft und europäische Geschichte. Im Sommer 2006 trat er der von Jacques Delors geleiteten Forschungsgruppe Notre Europe bei und begab sich daraufhin auf seine einjährige Reise durch Europa. Auf dieser Reise machte er eine Reihe Interviews über die europäische Identität. Eins davon   das Interview mit dem rumänischen Philosophen Andrei Plesu – wurde am 17. August 2007 von Thomas Ferenczi in dessen Chronik in Le Monde besprochen. En attendant l’Europe ist Alexandre Mirlesses erstes Buch.

Alexandre Mirlesse: Dafür gibt es drei Gründe. Ich komme selbst aus einer europäisch geprägten Familie. Meine vier Großeltern haben alle unterschiedliche Staatsangehörigkeiten: russisch, amerikanisch, italienisch und französisch. In meiner Kindheit hatte ich das Glück, mehrere Sprachen zu lernen. Das hat mich motiviert, mich auch mit anderen Kulturen als der französischen, die mich geprägt hat, zu beschäftigen.

 

Als ich 2006 als Praktikant zum Forschungsinstitut Notre Europe kam, wurde aus dieser „Suche nach den persönlichen Wurzeln“ eine intellektuelle Suche nach der europäischen Identität. Nach der Ablehnung der europäischen Verfassung hatten wir die Idee, regelmäßig Persönlichkeiten zu befragen, die eine europäische Berufung haben, sich aber nicht an der öffentlichen Debatte beteiligen: Schriftsteller, Verleger, Künstler, Politiker, sogar Köche.

 

Und dann war da natürlich die Lust, Europa zu bereisen, diesen wunderbaren Kontinent, auf dem man sich frei bewegen kann und der, was Kultur und Reichtum betrifft, enorme Kontraste aufweist. Grund genug, um eine, wie man im 18. Jahrhundert zu sagen pflegte, „große Reise“ zu starten, also ein Jahr meines Lebens darauf zu verwenden, von Stadt zu Stadt zu ziehen, auserwählte Personen zu treffen und, wie die Föderalisten es ausdrückten, Europa „auf Mannshöhe“ zu studieren.

 

 

Touteleurope.fr: Nach welchen Kriterien haben sie Ihre Interviewpartner ausgewählt?

 

A.M.: Am Anfang ging ich eher empirisch vor. Ich suchte nach Personen, wie den serbischen Architekten Bogdan Bogdanović, deren Biographie sich „europäisch“ ausnahm. Serbien ist kein EU-Mitglied. Mich interessierte daher die Position der Serben zu Europa, die (nach den Ereignissen in Jugoslawien) zwischen Integration und Ablehnung schwankt. Bogdan Bogdanović errichtete als offizieller Architekt unter Tito mehrere Mahnmale für die Opfer der sechs jugoslawischen Völker, die sich im Zweiten Weltkrieg bekämpft haben. Er wollte sie in der gemeinsamen Erinnerung wieder versöhnen.

 

Die „jugoslawische“ Problematik ist wiederum auf Europa übertragbar: Gibt es eine gemeinsame europäische Erinnerung? Kann man Völker versöhnen, die sich als „Erbfeinde“ betrachten? In gewisser Weise liefert Bogdan Bogdanovićs Werk darauf eine Antwort. Er ist daher ein gutes Beispiel für jemanden, der in Frankreich relativ unbekannt ist, aber zu Europa genau so viel zu sagen hat wie ein EU-Beamter in Brüssel.

 

 

Touteleurope.fr: Die Intellektuellen, die Sie getroffen haben, sind in der Tat in Westeuropa nicht sehr bekannt …

 

Für das Buch wurden interviewt:
Martine Aubry (Bürgermeisterin von Lille, Generalsekretärin der französischen Sozialistischen Partei),
Lluis Pasqual (katalanischer Theaterregisseur, Gründer des Pariser Odéon – Théâtre de l’Europe),
Ken Loach (britischer Filmregisseur),
Adam Globus (weißrussischer Dichter),
Pater Pierre Riches (katholischer Theologe),
Andrei Plesu (Philosoph, ehemaliger rumänischer Außenminister),
Bogdan Bogdanović (serbischer Architekt, ehemaliger Bürgermeister Belgrads),
Adolf Muschg (Schweizer Essayist, Ehrenpräsident der Berliner Akademie der Künste),
Ilmar Raag (Filmregisseur, ehemaliger Direktor des Estnischen Fernsehens),
Claudio Magris (italienischer Schriftsteller und Germanist),
Nilüfer Göle (türkischer Anthropologe),
Jacques Delors (ehemaliger Präsident der EU-Kommission)
Ja, aber es lohnt sich, sie zu entdecken! Ihre Bekanntheit ist durch die Sprachbarrieren sehr eingeschränkt. Daher ist es für mich eine große Genugtuung, dass für nahezu die Hälfte der befragten Personen (Adam Globus, Bogdan Bogdanović, Ilmar Raag, Nilüfer Göle …) unser gemeinsames Interview der erste auf Französisch veröffentlichte Text ist, der ihre Vision von Europa widerspiegelt. Genau diesen neuen Blick habe ich gesucht !

 

Auch wenn die Debatte um Europa von Zeit zu Zeit (insbesondere in Wahlperioden) höhere Wogen schlägt, wird sie doch in der Regel von einer Hand voll Experten dominiert, die ihr spezielles Thema oder ihren Fachbereich (Wirtschaft, Recht, usw.) haben. Vielleicht mangelt es an Visionen, die mehr in der persönlichen Erfahrung verwurzelt sind, die aus „Fleisch und Blut“ erwachsen. Ich habe Menschen befragt, die Europa an ihrem eigenen Körper erfahren haben   positiv wie negativ   und versucht, ihre Standpunkte einer breiteren Öffentlichkeit als der ihres jeweiligen Landes zugänglich zu machen. Das war meine, meinem bescheidenen Handlungsspielraum entsprechende Methode, originelle und stimulierende Sichtweisen in die europäische Debatte einzubringen und sie auf diese Art anzuregen.

 

 

Touteleurope.fr: Die Frage nach der „europäischen Identität“ ist in Ihren Interviews allgegenwärtig. Hat Ihre Reise Ihnen zu einer klaren Definition dieser Identität verholfen?

 

 

A.M.: Auf diese Frage antworte nicht ich, sondern die zwölf interviewten Personen! Das Buch liefert eine Antwort – aber es ist eine negative. Ich bin mit der Idee losgezogen, eine europäische Identität zu finden, einen Sockel an gemeinsamen Werten, einen kulturellen „Nährboden“. Zurückgekommen bin ich mit der Überzeugung, dass diese Identität so etwas wie eine intellektuelle Fiktion ist.

 

Es ist durchaus möglich, von der Identität einer Person zu sprechen: Woher komme ich? Wofür trete ich ein? Was macht meine Persönlichkeit aus? Man kann auch von der „europäischen Identität“ einer Person sprechen, je nachdem, ob sie sich europäisch fühlt oder nicht. Aus der Identität jedoch ein festgeschriebenes Konglomerat von „Werten“ machen zu wollen, scheint mir sehr riskant, jedenfalls solange die europäische Kultur widersprüchliche Prinzipien in sich trägt.

 

„Die Zeit ist reif für eine Pause“, sagt der rumänische Philosoph Andrei Plesu im sechsen Interview meines Buches im Hinblick auf die Debatte über die europäische Identität. Er bezeichnet diese Idee auch als „Rokoko des politischen Diskurses“: man schmückt damit das Ende großer Reden ohne genau zu wissen, worum es sich eigentlich handelt. Und es stimmt, dass, wie Claudio Magris in meinem Buch bemerkt, die europäische Identität für uns das ist, was Zeit für den heiligen Augustinus war: Wir glauben genau zu wissen, was es ist, aber kaum werden wir danach gefragt, wissen wir es nicht mehr …

 

In Ländern, in denen diese Identität bedroht oder durch die politische Situation unsicher geworden ist (z. B. Weißrussland oder Serbien), identifizieren sich die Menschen leichter mit Werten. Wahrscheinlich ist es auch genau das, was den türkischen Anthropologen Nilüfer Göle sagen lässt, dass die Vorstellung von Identität nur im Falle nicht zugesprochener Identität legitim sei, wie im Fall der Kurden, Bretonen oder Feministen. Die Idee einer europäischen Identität hingegen sei ein Eingeständnis der Schwäche und der Unfähigkeit der Europäer, sich als verschieden zu begreifen.

 

Ich bin von meiner Reise also mit einer neuen Frage zurückgekommen: „Wofür steht die europäische Identität?“ Woher kommt es, dass Europa, und ganz besonders Frankreich, sich an Werte klammert, von denen man nicht mehr recht weiß, was sie bedeuten?

 

 

Touteleurope.fr: Und haben Sie auf diese neue Frage erste Antworten?

 

 

A.M.: Der Anstieg identitärer Ängste – genau das drückt Nilüfer Göle in seinem Interview aus   lässt ein gewisses Unbehagen, eine gewisse Unsicherheit durchblicken. Letztendlich haben viele meiner Interviews den gleichen Tenor: Sie bringen das Gefühl einer Bedrohung für Europa, das Gefühl der Dekadenz, zum Ausdruck. Das Fazit meines Buches ist eher pessimistisch: Pierre Riches und Bogdan Bogdanović zum Beispiel erklären, dass die Zeit für Europa abgelaufen sei. Es solle dem Römischen Reich nacheifern und seinen Untergang organisieren.

 

Ohne in diesen Pessimismus einstimmen zu wollen, kann man an die Worte Jacques Delors’ denken, der zu seinem Amtsantritt in der EU-Kommission erklärte, Europa habe die Wahl zwischen Überleben oder Untergang. Fakt ist, dass sich die Stellung Europas in der Welt mit dem Aufkommen anderer Großmächte verändert. Aber Europa hat natürlich die Alternative, sein Überleben zu organisieren und sich gegen Verfall und identitäre Abschottung zu wehren.

 

Wie die Gegenüberstellung von Andrei Plesu („der Osten kann dem Westen ein wenig Melancholie und ‚analytische Stille’ abgeben“) und Claudio Magris („Melancholie ist kein politisches Programm für Europa“) illustriert, ist mein Buch auch ein Nachdenken darüber, wie man Europapolitik gestalten muss. Sicher muss man sich den „Rückgang“ Europas vor Augen halten, es aber gleichzeitig schaffen, diese Nostalgie in eine Politik „des Überlebens“ umzuwandeln.
Genau deshalb wollte ich Intellektuelle und Politiker miteinander in Dialog bringen.

 

Der „melancholische“ Intellektuelle weiß sehr wohl, dass – wie der tschechische Philosoph Jan Patocka schreibt – das Problem der Geschichte unlösbar ist. Er kann durch seine kritische Haltung das „Virus der Unsicherheit“ verbreiten und dem Politiker, der glaubt, mit seinem Handeln alles verändern zu können, eine gewisse Bescheidenheit einflößen. Im Gegensatz dazu kann der Politiker dem Intellektuellen helfen, den Sinn für die Realität zu bewahren, indem er ihn unablässig mit der Frage nach dem „wie“ konfrontiert. Das Problem ist, dass beide nicht genug miteinander sprechen.

 

 

Touteleurope.fr: Fehlt dem politischen Projekt Europa nicht eine kulturelle Dimension ?

 

 

A.M.: Ganz bestimmt, aber daran trägt die EU keine Schuld. Meiner Meinung nach darf die europäische Verwaltung auf kulturellem Gebiet keine dominierende Rolle spielen. Die Kultur gehört den Künstlern, den Schriftstellern, den Schöpfern. Wie ich bereits in meinem Buch betone, bin ich ziemlich schockiert darüber, dass in europäischen Politikkreisen dieser falsche Satz von Jean Monnet kursiert: „Müsste ich noch einmal mit Europa beginnen, würde ich bei der Kultur anfangen.“ Dieser Satz wird kurioserweise auch von einigen Künstlern vereinnahmt, die die Obrigkeit dazu anhalten, „Künstler heranzuziehen“ (sprich: finanziell zu unterstützen) und sie zu „Verfechtern der europäischen Sache“ zu machen.

 

Vor derartigen Vereinbarungen zwischen Politik und Kunst muss man sich hüten. Jean Monnet hat nicht ohne Grund bei der Montanindustrie angesetzt. Zwar konnte er sein Vorhaben auf eine kulturelle Bewegung stützen, aber es war eine unabhängige, von Intellektuellen getragene – nehmen wir das Beispiel der internationalen Begegnungen von Genf oder Den Haag. Außerdem war die Kulturwelt zu Zeiten des kalten Krieges viel zu gespalten, als dass sie sich vor der Idee eines vereinten Europas hätte verbünden können.

 

Der Schritt von einer Kulturpolitik zu einer Politik der Förderung „pro-europäischer“ Kunst ist schnell gemacht. Europa hat, wie ich finde, in Sachen Kultur eine wunderbare Aufgabe: Es gilt, Grenzen zu öffnen, Austausche anzuregen, Begegnungen unter Künstlern zu fördern, Bücher in Umlauf zu bringen und zu übersetzen. Das ist das wichtigste. Der Vorstellung aber, dass Europa große Kulturprogramme finanziert mit dem zusätzlichen Anspruch, die Menschen zu erziehen und ihnen ein europäisches Bewusstsein einzuflößen, stehe ich sehr skeptisch gegenüber. Denn wenn die Kultur sich in den Dienst der Politik stellt, und seien die Motive dafür noch so edelmütig, dann läuten bei mir alle Alarmglocken!

 

 

Touteleurope.fr: In Ihrem Buch sprechen mehrere Personen von verschiedenen „Europas“: Da ist das mediterrane Europa Lluis Pasquals, „wo man auf der Straße miteinander spricht“, das „langweilige“ Nordeuropa, oder das von Orthodoxie und Kommunismus geprägte Osteuropa … lassen sich daraus nicht klar abgegrenzte Identitäten lesen?

 

A.M.: Identität ist vielschichtig: Wir haben eine persönliche Identität, eine lokale, eine nationale, eine europäische. Es gibt aber auch eine Stufe zwischen der nationalen und der europäischen: Zwischen der Weite des europäischen Kontinents und dem für einige Menschen etwas zu engen Einzelstaat liegt die wunderschöne Idee der „europäischen Region“: Ostsee, Mittelmeerraum, usw. Man kann sich über diese Idee mit einer Einheit identifizieren, die den nationalen Rahmen übersteigt und dennoch so überschaubar bleibt, dass man sich darin nicht „verloren“ vorkommt.

 

Solche Regionen können sich just mit dem Aufbau Europas organisieren. Man braucht sich nur die engen Handelsbeziehungen im Ostseeraum anzuschauen, die ehemalige Sowjetrepubliken und skandinavische Kultur annähern und dabei die sehr alten Wege der Hanse nachzeichnen. Die Wiederbelebung solcher Kulturräume ist eine der interessantesten Auswirkungen der europäischen Zusammenarbeit, selbst wenn Grenzöffnung und Liberalisierung der Handelsbeziehungen dieses Streben gleichzeitig bedrohen.

 

Man darf die Geographie eines solchen „Europa der großen Regionen“ jedoch nicht zu strikt festlegen. Oft wird die Einteilung ja von ideologischen Prämissen diktiert. Ein Beispiel: 2005 legte der deutsche Vorsitz der EU einen Kartenentwurf der großen Kulturräume Europas vor und löste damit in Deutschland einen mittleren Skandal aus. Darin umfasste „Mitteleuropa“ von Estland bis Elsass und Lothringen alle Gebiete, die irgendwann einmal unter deutscher Hoheit standen. Von deutschen Linken wurde diese Karte sogar mit der des Dritten Reichs auf dem Höhepunkt seiner Ausdehnung verglichen. Fragen Sie einen Katalanen nach seinem Europa und er wird eine ganz andere Vorstellung liefern …

 

Ich will solche geographischen Einteilungen nicht radikalisieren. Man muss sich aber vor Augen führen, dass sie helfen, sich von einer nationalstaatlichen Aufteilung zu lösen, ohne sich in einem riesigen unübersichtlichen Europa zu verlieren.

 

 

Touteleurope.fr: Bedeutet der Titel Ihres Buches En attendant l’Europe, dass Europa ein für immer unvollendetes Projekt bleiben wird?

 

 

A.M.: Davon bin ich überzeugt. Es ist ein doppelter Titel – ein persönlicher und ein programmatischer.

 

Ich habe dieses Buch „wartend“ geschrieben, an Orten des Wartens: auf Bahnhöfen, in Cafés. Für mich ist Warten eine Art Langsamkeit, die zum Denken unentbehrlich ist. Im Alltagsgeschehen, im kurzsichtigen Politikgeschäft, lässt sich über Europa nicht nachdenken. Man muss sich zwangsläufig von seinen unmittelbaren Pflichten lösen.

 

Ich glaube auch, dass Europa „auf sich warten lässt“ und nicht alle unsere Erwartungen stillt. Europa erfuhr in jüngster Zeit mehrere Abfuhren, aber nicht, weil die Menschen dessen überdrüssig geworden sind, sondern weil sie so viel von Europa erwarten. Wir erwarten, dass Europa all unsere Probleme löst, auch wegen manchen Politikern, die Brüssel für ihre eigenen Misserfolge verantwortlich machen. Diese Erwartungshaltung an Europa habe ich versucht, durch die Stimmen der Intellektuellen zum Ausdruck zu bringen.

 

Osteuropa nimmt deshalb in meinem Buch eine so dominante Stellung ein, weil dort die größten Erwartungen an Europa gerichtet sind. Weil dort die Hoffnungen teilweise enttäuscht worden sind und man nun auf Europa zählt. Aus demselben Grund habe ich mich auch für marginale Länder, wie z. B. Weißrussland, interessiert und versucht, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die noch immer Hoffnung in Europa setzen   auch wenn sie das nicht davon abhält, Europa kritisch oder gar skeptisch gegenüber zu stehen.

 

 

Touteleurope.fr: Adam Globus spricht in Ihrem Buch von einer europäischen „Geopoetik“. Kann man anhand dieser Vorstellung einen gemeinsamen Sockel europäischer Kultur definieren?

 

A.M.: Zur Erläuterung seiner „Geopoetik“ hat Adam Globus eine imaginäre Landkarte gezeichnet, nämlich die seiner eigenen Reisen und Begegnungen in Europa. Ich glaube wie er, dass jeder Mensch seine eigene „Geopoetik“ konstruieren muss, indem er reist, eigene Erfahrungen macht und über Europa nachdenkt und schreibt. Es gibt einen Sockel an gemeinsamer Kultur, aber es ist keine „europäische“ Kultur per se, sondern eher das Beste aus der Kultur jedes einzelnen europäischen Landes: Chateaubriand, Mickiewicz, Cervantes, das elisabethanische Theater, die großen serbischen Epen … deren Autoren sich wie Homer oder Ovid nicht dessen bewusst waren, dass sie ein „europäisches“ Werk schrieben.

 

Und selbst wenn es einen europäischen kulturellen Sockel gibt, müssen die Menschen ihn sich aneignen. Was nützen Kathedralen, wenn die Menschen völlig emotionslos daran vorbei gehen? Was nützt es, von „Rechtsstaat“ oder „Zivilgesellschaft“ zu sprechen, wenn die Bürger deren Wert nicht ermessen. Genau hier kommen die Intellektuellen, wie jene, die ich interviewt habe, ins Spiel: Sie sollen durch ihr Werk und ihren Diskurs den Wert der Dinge aufzeigen, sie aber gleichzeitig auch infrage stellen und die Menschen dazu anhalten, selbst auf Entdeckungsreise zu gehen und sich eine eigene mentale Karte, eine eigene „Geopoetik“ Europas anzulegen.

 

 

Touteleurope.fr: In Une certaine idée d’Europe [Eine gewisse Idee von Europa] betrachtet George Steiner Cafés als Fixpunkte europäischer Identität. Werden in Cafés, im Osten wie im Westen, immer noch Ideen ausgetauscht? Welchen Platz hat das Internet in der intellektuellen Debatte eingenommen?

 

A.M. : Wenn George Steiner seinen Text heute noch einmal schreiben müsste, würde er garantiert eine kleine Anmerkung zu den Internetcafés hinzufügen! Ich war auf meiner einjährigen Reise jeden Tag in Internetcafés. Diese Orte sind von Migranten und jungen Menschen bevölkert und ihr Netz zeichnet eine ganz andere Landkarte von Europa   eine, die sich z. B. mit der von Western Union überschneidet. Moldawien ist ein Land mit einer sehr hohen Arbeitslosenquote. Dort treffen sich die jugendlichen Arbeitslosen im Internetcafé, wo sie für 50 Cent die Stunde mit anderen Europäern chatten und aus ihrer Langeweile oder den engen Landesgrenzen ausbrechen können. Und das ist alles andere als belanglos!

 

Dieses Phänomen überschneidet sich mit der alten, etwas angestaubten Tradition der Kaffeehäuser, in denen Intellektuelle sich zu versammeln pflegten und die in den Ländern Mitteleuropas durchaus noch gepflegt wird. Der Großteil der Interviews aus En attendant l’Europe spielte sich deshalb in Cafés ab, weil die Personen mich dort „ganz natürlich“ hinbestellten. In Minsk zum Beispiel zählen Cafés zu den wenigen Orten, an denen Intellektuelle der polizeilichen Überwachung entgehen. Zu Hause werden sie abgehört.

 

Für mich ist das Café die Minimalkonfiguration des öffentlichen Raumes: Man ist dort zugleich allein und unter Menschen. Man kann jederzeit ein Gespräch oder eine Diskussion anfangen, und man ist sicher, dass man seine Ruhe hat, solange man seinen Kaffee bezahlt hat. Je mehr man nach Osten kommt, in Länder, in denen das Leben in der Öffentlichkeit nicht so zwanglos ist wie hier, umso mehr wird das Café wieder zu dem, was es schon immer war: ein Ort der Zuflucht, der Zwanglosigkeit, der Geselligkeit, der Opposition, des Feierns und des Austauschs – kurzum, einer der Topoi (im ursprünglichen wie im übertragenen Sinn) der europäischen Kultur.

 



Mehr dazu:

 

En attendant l'Europe - Amazon

Site Internet d'En attendant l'Europe

Site Internet des éditions la contre allée

Project "European Identity" - Notre Europe