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Jorge Semprún: Mein Werdegang ist durch die europäische Geschichte bestimmt

Actualité 17.03.2010

In seinem jüngsten Buch Une tombe au creux des nuages – Essais sur l’Europe d’hier et d’aujourd’hui („Ein Grab in den Wolken – Essays über das Europa von gestern und heute“) geht der Schriftsteller Jorge Semprún den markanten Ereignissen im Europa des 20. Jahrhunderts nach. Von seiner eigenen Geschichte aus beleuchtet er die gegenwärtigen Herausforderungen der europäischen Konstruktion: Demokratisierung und kulturelle Vielfalt, die tragende Rolle Deutschlands, die Entwicklung von Partikularinteressen, das Gewicht des jüdischen Denkens in der europäischen Kultur oder die Zukunft der demokratischen Linken. Ein Blick auf die europäischen Geschichten Jorge Semprúns.

 

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„Ein europäischer Schriftsteller“

Jorge Semprún Maura, 1923 in Madrid geboren, wuchs in einer großbürgerlichen Familie auf, die mit Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs zunächst in die Niederlande und anschließend nach Frankreich ins Exil flüchtete, wo Jorge Semprún sich einer kommunistischen Résistance-Bewegung anschloss. 1943, inzwischen Mitglied der Kommunistischen Partei Spaniens (PCE), wurde Jorge Semprún verhaftet und ins Konzentrationslager Weimar-Buchenwald deportiert, wo er bis zur Befreiung 1945 inhaftiert blieb. 1964 wurde er, nachdem er die geheime spanische Widerstandsbewegung gegen das Franco-Regime koordiniert hatte, aus der PCE ausgeschlossen. Das war der Beginn seiner schriftstellerischen Tätigkeit. In dem 1963 veröffentlichten Roman Le Grand Voyage (Die große Reise) erzählt er zum ersten Mal über seine Erfahrung im KZ Buchenwald. Der Roman fand eine breite Resonanz. Von 1988 an war Jorge Semprún unter der Regierung Felipe Gonzáles drei Jahre lang spanischer Kultusminister. Seit 1996 ist er Mitglied der Académie Goncourt.
Fragt man Jorge Semprún nach seiner Haltung zu seinem öffentlichen Bild als europäischer Denker, antwortet er bescheiden: „europäischer Denker – das weiß ich nicht, aber europäischer Schriftsteller ganz gewiss!“ Nahezu dreißig Bücher, vor allem über Europa, hat Jorge Semprún mittlerweile geschrieben; Drehbücher ebenfalls, etwa für Filme von Alain Resnais und Constantin Costa-Gavras. Dabei war der Weg zum Schreiben ein überaus schmerzvoller Prozess: „Das Schreiben rief in mir jedes Mal die Erinnerung an das Lager wach.“ Fast 20 Jahre hat Jorge Semprún, der 1934 aufgrund seines kommunistischen Aktivismus ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert wurde, gebraucht, bis er seinen ersten autobiographischen Roman Le Grand Voyage (Die große Reise) veröffentlichte.

 

Seitdem hat der Autor einen langen Weg zurückgelegt. In Une tombe au creux des nuages verfolgt er die bereits in den vorangegangenen, oft autobiographisch geprägten Essays und Romanen begonnene Aufarbeitung seiner KZ-Erfahrung, des spanischen Bürgerkriegs und seiner Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei. Den Kommunismus entdeckt der Sprössling einer katholisch-republikanischen, die spanische Volksfront begrüßenden Familie, als Student. Von da an verbringt er viel Zeit, wie er selbst sagt, „mit dem Versuch, Kommunist zu sein“. Ebenso viel Zeit braucht er nach dem Krieg, um „die Illusion des Kommunismus [in sich] zu zerstören“ und „Europa als Möglichkeit multinationaler und supranationaler Demokratie zu entdecken“ – ganz so wie Europa selbst dies nach und nach tun wird. Von diesem Punkt an ist Jorge Semprúns Werdegang tief in diesem Europa des 20. Jahrhunderts verankert.

Kurz nach dem Beitritt Spaniens zur Europäischen Gemeinschaft widmet sich Jorge Semprún als Kultusminister der sozialistischen Regierung Felipe Gonzáles von 1988–1991 erneut der Politik. Obgleich diese Aufgabe eine Art Therapie hätte sein können gegen die „Unfähigkeit des Schreibens“, das in Jorge Semprún die quälende Erinnerung an die Vergangenheit wach hält, erweist sie sich als unvereinbar mit jeglicher schriftstellerischen Tätigkeit. 

 

Deutschland als Motor der europäischen Demokratie

Was Europa betrifft, so ist Jorge Semprún aufgrund der spanischen Erfahrung „kritisch aber optimistisch“ gestimmt: Nach dem Ende der langjährigen Franco-Diktatur hatte Spanien die Unterstützung Europas gebraucht. Dankbar für die europäische Hilfe gibt Spanien sich heute besonders pro-europäisch.

Jorge Semprún, der Spanier, fühlt sich gleichermaßen zutiefst als Franzose. „Ich habe in Wirklichkeit zwei Vaterländer“, gibt er zu   was durchaus von Vorteil sein kann: „Bei einem Fußballspiel Frankreich gegen Spanien bin ich immer Gewinner!“ Vielmehr als gar kein Vaterland hat der Autor nach eigener Meinung also einen „Überfluss an Vaterland“, was sich nicht zuletzt in dem Gefühl, Europäer zu sein, widerspiegelt.

Dennoch gebührt Deutschland sein besonderes Interesse. Das Land, das sowohl das Naziregime als auch (zumindest für einen Teil seines Staatsgebiets) die Sowjetdiktatur durchgemacht hat, ist heute für den Schriftsteller eines der besten Beispiele europäischer Demokratie. In diesem Sinne (aber auch weil das Land eine große Trauer- und Aufarbeitungsarbeit geleistet hat) war Deutschlands Beitrag zur europäischen Konstruktion unermesslich, hat sich doch das Nachkriegseuropa sowohl in Abgrenzung zu seiner nationalsozialistischen und faschistischen Vergangenheit als auch gegen die Realität der Sowjetdiktatur errichtet.

Ironischerweise ist ausgerechnet England, das als einzige europäische Demokratie während des Zweiten Weltkriegs der Besetzung standhielt, heute von einem ausgeprägten Euroskeptizismus gezeichnet.

Der Sammelband Une tombe au creux des nuages, der mehrere von Jorge Semprún zwischen 1986 und 2005 in Deutschland gehaltene Konferenzen umfasst, spricht gleichermaßen von KZ-Erinnerung wie europäischer Demokratie, von kommunistischer Vergangenheit Mittel- und Osteuropas wie der Zukunft der europäischen Linken, und auch vom Einfluss des jüdischen Denkens im 20. Jahrhundert.

Ein Essayband, der sich vor allem auf das Europa von gestern konzentriert, da „das Europa von heute in großem Maße davon abhängt, was wir gestern erreicht oder nicht erreicht haben“, der aber vor allem enthüllt, was für Jorge Semprún am Treffendsten die europäische Identität ausmacht: ihre Vielfalt.

 

 

Mehr dazu:

Jorge Semprún : Une tombe au creux des nuages – Editions Climats

Grand Angle : Loukas Tsoukalis : "La Grèce n'aura pas besoin d'être renflouée par l'UE" – Touteleurope.fr