Derniers articles publiés

John FitzGerald : Irlands harter Sparkurs, ein Vorbild für Griechenland

Actualité 18.02.2010

Der Rückgang der Weltwirtschaft, der durch das Platzen der Immobilienblase noch verschärft wurde, hat das Ende der fetten Jahre für den „keltischen Tiger“ eingeläutet. Irland ist jedoch bei Weitem nicht das einzige Land des Euroraums, das in Schwierigkeiten steckt. Auch Griechenland, Spanien und Portugal ringen mit enormen Haushaltsdefiziten und ausufernder Staatsverschuldung. Touteleurope.fr befragte Prof. John FitzGerald, Wirtschafts¬wissen¬schaftler am Dubliner Economic and Social Research Institute (ESRI), zur Strategie der irischen Regierung zum Ausgang aus der Krise und zu relevanten Hilfsmaßnahmen für Griechenland.


Wie ist die aktuelle Wirtschaftslage in Irland und welche Entwicklung erwarten Sie für 2010/11?

Für dieses Jahr erwarten wir einen erneuten leichten Rückgang der Wirtschaftsleistung. Der Aufschwung wird in Irland nicht vor nächstem Jahr einsetzen, und wir werden voraussichtlich erst 2012 oder 2013 wieder zu einem starken Wirtschaftswachstum zurückfinden.

Verglichen mit zahlreichen anderen EU-Staaten hat Irland im vergangenen und auch diesem Jahr ganz rigorose finanzpolitische Maßnahmen getroffen, was bedeutet, dass die Regierung der Wirtschaft Geld entzieht. Das heißt: Selbst wenn Europa dieses Jahr ein positives Wirtschaftswachstum zu verzeichnen hat, wird die Wirtschaftsleistung in Irland aufgrund der drastischen Finanzpolitik rückgängig sein.

John Fitz Gerald ist Wirtschaftsforscher am Institut für ökonomische und soziale Studien (ESRI) in Dublin. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen auf Makroökonomie sowie, speziell am Energy Policy Research Centre des ESRI, auf Energie und Umwelt. Von 2002 bis 2004 war er Mitglied der „Group for Economic Analysis“ der EU, die den Präsident der EU-Kommission in Wirtschaftsfragen beriet. Von 2004 bis 2008 war er Präsident der EUROFRAME-Gruppe europäischer Wirtschaftsforschungsinstitute.

 

 

Hat die irische Regierung ihrer Meinung nach wirksame Maßnahmen getroffenen?

Ja, wir denken, dass die getroffenen Maßnahmen Irland aus der Krise helfen werden. Als die Regierung 2009 die nötigen Schritte einleitete, betrug das strukturelle Defizit 8 %. Heute liegt es vermutlich bei 3 bis 4 %. Doch die irische Regierung muss noch mehr tun. Auch für nächstes Jahr ist ein straffer Haushaltsplan vorgesehen, so dass wir, sobald sich die Konjunktur wieder erholt hat, kein „Defizitland“ mehr sind. Das haben wir uns zum Ziel gesetzt.


Warum wurde Irland so hart von der Wirtschaftskrise getroffen?

Die irische Regierung hat nicht erkannt, dass der Beitritt zur Währungsunion eine andere Wirtschaftspolitik erforderlich machte. Stattdessen nahm sie in Kauf, dass auf dem Immobilienmarkt eine spekulative Blase wuchs. Bereits 2001, und verstärkt ab 2003, hatte das Economic and Social Research Institute wiederholt davor gewarnt, aber die irische Regierung ging nicht darauf ein. Als die Immobilienblase platzte, hob sie die gesamte Wirtschaft aus den Angeln. Die Situation ist ganz ähnlich wie in Spanien.

Im Unterschied zu Großbritannien kam es aber in Irland nicht nur zu einer Explosion der Immobilienpreise. Besonders verheerende Auswirkungen hatte der Kollaps des Wohnungsbausektors, dessen Anteil am Bruttoinlandsprodukt auf seinem Höhepunkt ganze 14 % betrug, wohingegen die Norm in den EU-15-Ländern bei 5   5,5 % liegt. Exportfirmen wurden völlig verdrängt. Nun, da der Boom ein Ende hat, wird es eine Weile dauern, bis sich die Exportfirmen wieder erholen.


Ist Irland in einer ähnlichen Situation wie Spanien, Griechenland oder Portugal?

Der Punkt, der von Vielen in Sachen Währungsunion bis vor Kurzem übersehen wurde, ist die Zahlungsbilanz. 2003 verzeichnete Irland erstmals ein Zahlungsbilanzdefizit. Das war ein Zeichen, dass wir unsere Finanzpolitik hätten verschärfen müssen.

Während Portugal und Griechenland unverändert große Zahlungsbilanzdefizite in Kauf nehmen müssen, prognostizieren wir 2010 einen Ausgleich des Defizits gefolgt von einem leichten Zahlungsbilanzüberschuss.

Das bedeutet: Das irische Volk wird seine Schulden zurückzahlen und kein Geld auf den internationalen Märkten leihen. Die Regierung wird große Anleihen im Ausland aufnehmen, aber Privathaushalte und Unternehmen werden sparen, ihr Geld auf die Banken bringen, die ihrerseits dieses Geld wieder ans Ausland zurückzahlen. Für die Staatsverschuldung bedeutet das, dass sie insgesamt dieses Jahr geringer ausfallen wird.

Die Menschen in Griechenland oder Portugal müssen hingegen mehr Geld auf den internationalen Finanzmärkten leihen; sie müssen ihre Auslandsverbindlichkeiten erhöhen um ihre bestehende Wirtschaft finanzieren zu können. Irland ist da in einer ganz anderen Lage.

Das Thema Zahlungsbilanzdefizit wurde auch von IWF-Chefvolkswart Olivier Blanchard hervorgehoben. Einer der Gründe, warum man das Problem nicht hat kommen sehen, ist die ungenügende Kenntnis dieses Themas. Der Fehler lag darin, dass man nicht einsah, dass die Zahlungsbilanz für regionale Wirtschaften innerhalb der Europäischen Währungsunion durchaus eine Rolle spielt. Hat man einen Zahlungsbilanzüberschuss – das ist die Kehrseite –, ist man in einer weitaus besseren Situation. Und das ist in Irland der Fall.


Warum wurden gerade kleinere Randstaaten von der Krise so schlimm getroffen?

Schweden, Finnland, die Niederlande und Belgien hat es nicht so hart getroffen. Einige Staaten haben sich schlecht angestellt, andere nicht. Innerhalb der EU-15-Länder bestand in Irland und Spanien ein viel größerer Bedarf, im Wohnungsbausektor zu investieren, als dies z. B. in Deutschland oder Frankreich aus demografischen Gründen der Fall war. Wie dem auch sei, der durch die Währungsunion ermöglichte Boom wurde schlecht gemanagt und lief den Regierungen schließlich aus dem Ruder. Irland und Spanien haben in dieser Beziehung einiges gemeinsam.

Schweden und Finnland haben ihre Volkswirtschaften deshalb besser betrieben, weil sie eine derartige Krisensituation bereits 1990/91 erfahren hatten. Sie wussten, dass sie den Wohnungsbau unter Kontrolle und auch den Finanzsektor im Auge behalten mussten. Sie hatten ihre Lektion schon damals gelernt und diese Erfahrung nicht vergessen, als sie der Währungsunion beitraten. Irland und Spanien haben diese Lektion auf die harte Tour gelernt. Griechenland und Portugal sind, was deren Probleme betrifft, wieder andere Fälle.


Was bedeutet die letzten Freitag auf dem EU-Sondergipfel bekundete Bereitschaft, Griechenland zu unterstützen?

Wichtig für Deutschland und folglich für den gesamten Euroraum ist meiner Meinung nach, dass Unterstützung nur dann zugesagt wird, wenn zunächst von dem betroffenen Land selbst Anstrengungen unternommen werden. Europa kann als Schutzschirm fungieren, unter dem die griechische oder portugiesische Wirtschaft Strukturanpassungen vornehmen können, aber der Impuls dazu muss von den Ländern selbst ausgehen. Der Preis für europäische Unterstützung ist, dass solche Länder sich eigenhändig aus dem Sumpf ziehen, in den sie sich hineingekarrt haben.

Die Mitgliedsstaaten müssen ihre Autonomie bewahren. Dessen war sich Irland letztes Jahr wohl bewusst. Wir wussten, dass niemand anderes uns helfen kann. Griechenland muss sich politisch wie wirtschaftlich darüber im Klaren sein, dass es seine Probleme selbst zu lösen hat. Es ist wichtig, dass es nicht Deutschland oder Frankreich, sondern die gesamte Union ist, die einen Zahlungsaufschub gewährt, der Griechenland Zeit lässt, sich zu erholen. Würde Deutschland als das Land angesehen, das der gesamten Eurozone aus der Patsche hilft, so stiegen in Deutschland die Zinssätze. Höhere Zinssätze in Deutschland würden wiederum Irland und alle anderen europäischen Volkswirtschaften negativ beeinflussen.

Soviel zu Griechenland. Es muss von selbst die nötigen Maßnahmen ergreifen, genau wie Irland.


Die vom Wirtschaftsforschungsinstitut ESRI veröffentlichten Studien tragen zum besseren Verständnis der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen bei. Sie informieren politische Entscheidungsträger sowie Zivilgesellschaft in Irland wie auch EU-weit.



Wodurch kann eine bessere wirtschaftliche Koordination zustande gebracht werden oder – wie es in Frankreich bezeichnet und auch beim Europäischen Rat angesprochen wurde: eine “Wirtschaftsregierung”?

Was so mancher in Frankreich mit “Wirtschaftsregierung” meint, wäre nicht wünschenswert. Es würde bedeuten, überall französische Standards anzuwenden. Bestünde man in Portugal auf französische Wohlfahrtsstandards, ginge niemand arbeiten. Wenn Frankreich bereit ist, dafür zu zahlen, dass jedermann in Portugal von Sozialhilfe leben kann, dann ist das in Ordnung. Aber tragfähig ist so etwas nicht.

Je größer das Wirtschaftssystem, desto schwieriger ist es, die Randgebiete zu verwalten, indem man gemeinsame Regeln anwendet. Nehmen wir das Beispiel des italienischen Mezzogiorno: In dieser Region sind seit 30 Jahren keine Strukturanpassungen vorgenommen worden. Nachdem die italienische Regierung dem Mezzogiorno italienische Lebensstandards geboten hat, jedoch ohne die Auflage, im Gegenzug dazu eine höhere Wirtschaftsleistung zu erbringen, ist jeglicher Anreiz zu Reformen verflogen.

Eine bessere Koordination auf EU-Ebene wäre meines Erachtens wünschenswert, aber europaweit die gleichen Regeln und Lebensstandards anzuwenden, würde nicht funktionieren.


Der Präsident der EZB, Jean-Claude Trichet, nannte es „demütigend“ für Europa, wenn der IWF in der Eurozone eingreifen müsste. Sollte die EU einen Europäischen Währungsfonds gründen?

Für uns wäre es schon sinnvoll, bei uns selbst aufzuräumen. Aus Sicht der Volkswirtschaft, die vom EWF unterstützt würde, käme es jedoch aufs Gleiche heraus: Wenn ein Land sein Schicksal in die Hände des IWF legen muss, verlangt der IWF in der Regel drastische Einschnitte. Das betroffene Land kann entscheiden, wo es die Einschnitte macht, aber der Prozess ist immer schmerzhaft. Für Griechenland, würde es nun vom IWF oder vom EWF unterstützt, wäre die Erfahrung ein und dieselbe.


Aus breiterer europäischer Sicht wäre es für die EU besser, die Verantwortung für ihre eigenen Probleme zu übernehmen. Kommt ein europäischer Fonds nicht zustande, ist der IWF der ultimative Wächter.

 

Mehr dazu:

The Irish Economy Today - ESRI 

The Irish Economy Blog