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Georges Berthoin: „Zwischen dem ‚Ideengeber’ (Monnet) und dem Mann an der Macht (Schuman) geschah ein geschichtsträchtiges Wunder“

Actualité 05.05.2010

Vor 60 Jahren verlas Robert Schumann im Uhrensaal des französischen Außenministeriums am Quai d’Orsay in Paris eine Erklärung, die er innerhalb weniger Wochen gemeinsam mit Jean Monnet ausgearbeitet hatte und die den Anstoß zur Gründung der allerersten Europäischen Gemeinschaft, der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), geben sollte. Georges Berthoin, damaliger Leiter des Büros von Jean Monnet an der Spitze der Hohen Behörde der EGKS und somit wichtiger Zeitzeuge, hält für touteleurope.fr Rückschau auf dieses „geschichtsträchtige Wunder“, analysiert, warum Europa derzeit in der Krise steckt und spricht über die Herausforderungen des Europas von morgen.

 

Biographie

Georges Berthoin wurde am 17. Mai 1925 in Frankreich geboren. Sein Studium absolvierte er an der Universität in Grenoble, der Ecole des Sciences Politiques in Paris und in Harvard. Im Oktober 1940 trat er im Alter von 15 Jahren der Résistance bei (später wurde er dafür mit einem Orden der Ehrenlegion, der Militärmedaille, dem Kriegsverdienstkreuz mit Palmenzweig und der „Rosette de la Résistance“ ausgezeichnet)..

1948 wurde er Mitglied im Kabinett des französischen Finanzministers Maurice Petsche und 1950 schließlich Büroleiter des Präfekten des Departements Moselle, der gleichzeitig auch oberster Verwalter (IGAME) der Regionen Champagne, Lothringen und Elsass war.

Während dieser Zeit war George Berthoin unter anderem mit der Wiederwahl Robert Schumans betraut, dem er bis zu dessen Tod recht nah stand.

Als die erste Europäische Gemeinschaft (EGKS) 1952 gegründet wurde, übernahm er die Leitung des Büros von Jean Monnet, des ersten Präsidenten der Hohen Behörde, zu dessen engsten Freunden und Beratern er bis zu dessen Tod 1979 zählte.

1971 wurde Georges Berthoin zum Botschafter der Europäischen Gemeinschaft in Großbritannien berufen. Er übte diese Funktion bis zum Eintritt des Landes in die Europäische Gemeinschaft aus. In London nahm er insbesondere erste diplomatische Beziehungen zur Volksrepublik China auf als Maos Kulturrevolution in vollem Gange war.

1973 war er einer der Mitbegründer der Trilateralen Kommission, einer von David Rockefeller und Zbigniew Brzezinski ins Leben gerufenen privaten Organisation. 1975 wurde er deren europäischer Präsident. Insgesamt fünf Mal wiedergewählt, hatte er diese Funktion 17 Jahre lang, bis 1992, inne..

1988 wurde er als einziger Nicht-Afrikaner neben Robert McNamara von den 51 afrikanischen Staaten in den Rat der Weisen für Afrika gewählt.

Während seiner gesamten politischen Laufbahn hat Georges Berthoin seine gemeinschaftliche Erfahrung als persönlicher und ehrenamtlicher Berater in den Dienst der Konfliktbeilegung gestellt (Ost-West, Nord-Süd, Jugoslawien, Rumänien, Israel-Palästina, Irland …) und sich an den Reformprojekten der UNO und der Europäischen Union beteiligt.

Von 1978 bis 1981 war er Präsident der Internationalen Europäischen Bewegung; seit 2001 ist er Ehrenpräsident der Association Jean Monnet.

Touteleurope.fr: Was ist heute, 60 Jahre danach, vom Europa der Schuman-Erklärung geblieben?

Georges Berthoin : Das Wesentliche ist geblieben, das heißt die mittlerweile hoch entwickelten Institutionen, die zwischen Dezember 1952 und Januar 1983 in ihrer Ausgangsform entstanden sind. Mit diesen Instrumenten können nach und nach alle europäischen Probleme gelöst werden, vorausgesetzt, man bedient sich ihrer richtig. Darin liegt heute die größte Herausforderung!

Ebenfalls geblieben ist die Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland. In der deutsch-französischen Beziehung mag es zwar Höhen und Tiefen geben, aber das Wichtigste ist doch, dass die beiden Völker, das französische wie das deutsche, sich seit der Schuman-Erklärung nicht mehr als Feinde betrachten.

Geblieben ist schließlich auch eine neue Regierungstechnik, die damals erprobt wurde und die auf dem Verhältnis zwischen nationaler Souveränität und Gemeinschaftsinteresse basiert. Diese Technik hat sich pragmatisch entwickelt, und sie wird sehr hilfreich sein, die Probleme des 21. Jahrhunderts anzugehen.


Touteleurope.fr: Sie sind einer der wichtigen Zeitzeugen der europäischen Konstruktion. Können Sie den ‚europäischen’ Geist beschreiben, der die Gründerväter erfüllte?

G.B. : Für die Ausarbeitung der Erklärung vom 9. Mai 1950 hatte sich Jean Monnet mit einer ganz kleinen Mannschaft umgeben, nicht einmal zehn Personen.

Die Idee kam von ihm und er wandte sich damit an jene Person, die die Macht hatte, diese Idee politisch umzusetzen: Das war Robert Schuman, zu diesem Zeitpunkt französischer Außenminister.

Zwischen dem „Ideengeber“ und der Macht geschah so etwas wie ein Wunder, das in die Geschichte eingehen sollte, und das umso beachtlicher war, als Robert Schuman, der ja aus Lothringen und Luxemburg kam, sich der Konflikte und Dramen zwischen Deutschland und Frankreich und deren Auswirkungen auf die Region, insbesondere im Kohle- und Stahlsektor, durchaus bewusst war.

Mit der Gründung der EGKS 1952 wurde etwas möglich, was geschichtlich gesehen ganz unmöglich erschien.

Zu diesem Zeitpunkt wurden wir als Idealisten ohne große Verantwortung hingestellt, aber in Wirklichkeit waren wir realistischer als die Realisten jener Zeit.

Wir alle waren uns in aller Bescheidenheit von Anfang an zutiefst dessen bewusst, dass wir dabei waren, Europa von seinem geschichtlichen Bann zu erlösen. Und davon sind wir unser ganzes Leben lang überzeugt geblieben.


Touteleurope.fr: Welche Ereignisse haben Sie damals am stärksten geprägt?

G.B. : Die Erklärung vom 9. Mai 1950 kam für die Öffentlichkeit und vor allem die Medien völlig überraschend. Wir wussten, dass sich eine schlimme Krise zwischen Frankreich und Deutschland anbahnte. Deutschland wollte seine Souveränität wiedererlangen.

Da bot Frankreich Deutschland plötzlich an, sich in einem damals so wesentlichen Sektor ohne jegliche Benachteiligung den gleichen Regeln zu unterwerfen. Das war der Beginn einer stillen Revolution.

In den Zeitungen von damals war die Erklärung auf allen Titelseiten! Jedem wurde klar, dass es sich diesmal um einen ernst zu nehmenden Vorschlag handelte. Frankreich hatte eine diplomatische Initiative ergriffen   die bis heute wichtigste in seiner Geschichte, und noch dazu eine friedliche und dauerhafte.

Das waren keine zukunftslosen Parolen mehr; Schritt für Schritt sollte die europäische und internationale Politik durch konkrete Maßnahmen verändert werden.

Das war ein ziemlicher Schock.

Von allen Kreisen, auch den politischen Gegnern, wurde diese Initiative ernst genommen. Seit diesem Tag haben sich mit einem ganz neuen Determinismus eine Reihe von Ereignissen begeben, die die europäische Konstruktion vorangebracht haben, sogar dann wenn Regierungen dieser Idee eher misstrauisch gegenüberstanden.


Touteleurope.fr: Wie ist dann zu erklären, dass das politische Europa in einer Sackgasse steckt?

G.B. : Das Kernproblem, das durch die Schuman-Erklärung gelöst wurde und sich im Hinblick auf die jüngsten Ereignisse erneut stellt, ist das Verhältnis zwischen nationaler Souveränität und Gemeinschaftsinteresse.

Mit der schrittweisen Gründung der europäischen Institutionen haben wir versucht, zwischen diesen beiden Polen eine gesunde Dynamik zu finden.

Eine Abschaffung der europäischen Nationalstaaten stand im Gegensatz zu dem, was bisweilen in der öffentlichen Diskussion zu hören war, nie zur Debatte. Vielmehr sollte jeder souveräne Staat zur Erkenntnis gebracht werden, dass er gemeinsame Interessen mit anderen souveränen Staaten teilte.

Die Europäische Kommission, die ausschließlich Vorschläge unterbreitet, spielt in diesem Prozess eine wesentliche Rolle. Sie soll Gemeinschaftsinteressen aufzuspüren, verkörpern und jeden Staat bei deren Einverleibung unterstützen. Denn das Gemeinschaftsinteresse ist schließlich ein Teil des einzelstaatlichen Interesses.

Das hat je nach Epoche mehr oder weniger gut funktioniert. Das Referendum über den Verfassungsvertrag zum Beispiel wurde verloren, weil es zu viele Missverständnisse gab und zu großes Misstrauen herrschte. Aber der Weg ist damit noch lange nicht verbaut. Europa befindet sich augenblicklich in einer schwierigen Phase, aber trotzdem hat das 1950 festgelegte Kernprinzip seine Gültigkeit nicht verloren.

Es ist die zwischenstaatliche Zusammenarbeit, die derzeit Schwierigkeiten bereitet. Der einzige Ausweg aus dieser immer bedrohlicher werdenden Sackgasse ist eine Rückbesinnung auf die Gemeinschaftsmethode, aber auf eine moderne Form. Ich bin mir sicher, dass kurz vor dem Abgrund irgendwo irgendjemand die nötige Initiative ergreifen wird, wie Robert Schuman 1950.


Touteleurope.fr: Zog man zu Zeiten der EGKS ein geographisch so weites Europa mit 27 Mitgliedsstaaten schon in Erwägung?

G.B. : Natürlich! Uns schwebte von Anfang an die Wiedervereinigung des europäischen Kontinents vor, speziell in den Gesprächen, die wir mit unseren deutschen Kollegen führten.

Damals hat es in der deutschen Politik eine große Debatte gegeben: die deutschen Sozialisten sträubten sich gegen die Politik Konrad Adenauers, der sich für eine vollständige Eingliederung Westdeutschlands in das westliche Europa aussprach. Sie fürchteten, dies würde die Wiedervereinigung Deutschlands unmöglich machen.

Wir konnten sie aber davon überzeugen, dass eine starke Europäische Gemeinschaft eines Tages eine friedliche deutsche und europäische Wiedervereinigung ermöglichen würde.

Das erste Mal in seiner Geschichte hatte Europa sich ganz ohne Gewalt, ohne militärisches Eingreifen, ohne Zerschlagung der nationalen Souveränitäten und im Respekt der Würde jedes einzelnen vereint.

Es ging also bereits von Anfang an um ein großes Europa, das sich Stück für Stück bauen würde.

Je zahlreicher wir werden, desto naheliegender wird die Gemeinschaftsmethode. Was uns derzeit aber Schwierigkeiten macht, ist der Umstand, dass wir wieder in die Zwischenstaatlichkeit zurückfallen. Je mehr Europa jedoch erweitert wird, desto weniger funktioniert die zwischenstaatliche Zusammenarbeit. Alle derzeitigen Probleme rühren daher. Ich sagte es bereits: Wir müssen zur Gemeinschaftsmethode zurückfinden.

Was in Europa verwirklicht wurde, wird eines Tages auf der Ebene einer Weltregierung anwendbar sein. Genau das ist die große Herausforderung des 21. Jahrhunderts.

Touteleurope.fr: Hat das zu bedeuten, dass das europäische Modell auf einen größeren Maßstab übertragen werden kann, etwa auf globalen Maßstab?

G.B. : Ja! Davon bin ich fest überzeugt! Ein beeindruckendes Beispiel hierfür ist eine Rede George Bush Seniors, die er 1990 als amtierender Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen hielt. Er erklärte darin, er erhoffe sich die Schaffung einer neuen Weltordnung nach europäischem Modell: „I see a world building on the emerging new model of European unity, not just Europe but the whole world whole and free.” 

Überall auf der Welt wird augenblicklich die Funktionsweise der Europäischen Union studiert und an die jeweilige Region anzupassen versucht.

Die Afrikanische Union etwa wurde zum Großteil nach europäischem Vorbild geschaffen, der Mercosur in Südamerika ebenfalls. Auch in Asien laufen Forschungen, vor allem in Korea, China und Malaysia. Das europäische Modell hat also schon seine Gültigkeit erwiesen. 



Touteleurope.fr: Es wird oft gesagt, dass der Frieden, der der Gründung der Europäischen Union zugrunde liegt, nicht mehr geschlossen werden muss. Worin liegen dann die zukünftigen Herausforderungen Europas?

G.B. : Sollte das europäische System, das wir aufgebaut haben, in eine schlimme Krise stürzen und sich auflösen, wird sich das Friedensproblem erneut stellen.

Nehmen wir ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit: Als die jugoslawische Staatengemeinschaft sich aufgelöst hat, sind dieselben Kriege, die man Anfang des 20. Jahrhunderts kannte mit derselben Grausamkeit wieder aufgekeimt.

Der Frieden, der dank der europäischen Institutionen herrscht, ist ebenso anfällig wie die Gesundheit. Genau wie Krankheitserreger können die alten europäischen Dämonen jederzeit wieder auftauchen.

Die Rückkehr populistischer Ideen, die man während der letzten Wahlen z.B. in Ungarn beobachten konnte, ist sehr ernst zu nehmen. Sie steht für eine Art Hoffnungslosigkeit.

Den europäischen Regierungen legt die aktuelle Situation zwei Pflichten auf: alles in ihrer Macht stehende zu tun, um bestmöglich und ohne nationalen Egoismus die aktuelle Krise, die staatlich, europäisch und global ist, zu meistern und die europäischen Instrumente neu zu entdecken, die wir in den 1950er Jahren ins Leben gerufen haben.

Das verlangt von den Staats- und Regierungschefs, dass sie sich der Bedrohungen genau bewusst werden. Sie brauchen Willenskraft, moralische Autorität und einen vertrauensvolleren Kontakt mit der öffentlichen Meinung, der aufgrund der aktuellen Ereignisse bzw. Versäumnisse gestört ist

Im Chinesischen wird das Wort Krise aus zwei Ideogrammen zusammengesetzt: Gefahr und Gelegenheit zum Wandel. Es liegt an jedem Einzelnen, wo immer er auch sein mag, dass eins von beiden über das andere siegt.