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Bremen im Jubiläumsfieber der Wiedervereinigung

Actualité 01.10.2010

Seit dem 3. Oktober 1990, der Tag, an dem der deutsch-deutsche Einigungsvertrag unterschrieben wurde, richtet jedes Jahr ein Bundesland die zentralen Feierlichkeiten aus und ist damit Gastgeber für ganz Deutschland. Diesmal wird Bremen Flagge zeigen: Am Rathaus, der Schrachte und dem Europahafen wird ausgestellt, gegessen und musiziert.

Deutschland feiert, errinert sich, lacht und demonstriert. Diesmal in Bremen, Land der Stadtmusikanten, des bremer Universums und des Schnoors. Der Tag der deutschen Einheit wiederholt sich nun zum 20. Mal in der Bundesrepublik.

Geschichtlicher Hintergrund


Gestatten wir uns einen kleinen geschichtlichen Umweg: Schon vor der Londoner sechs Mächte Konferenz gab es von Seiten der Alliierten Aufforderungen an die in den Besatzungszonen politisch aktiven Deutschen, sich Gedanken über die Konstruktion eines neuen Staates zu machen. 1949 hatte der Parlamentarische Rat es in die Präambel des Grundgesetzes geschrieben: "Das gesamte Deutsche Volk bleibt aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden". Der Begriff "Bundesrepublik Deutschland" wurde jedoch von den französischen Besatzungsbehörden in Württemberg-Hohenzollern im Mai 1947 erstmals verwendet.

Heute vor genau 20 Jahren trat also die DDR der Bundesrepublik bei. In dieser Zeit kam es zum Zwei-plus-Vier-Vertrag, zur Volkskammerwahl im März 1990, zum Staatsvertrag über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion und schließlich den Einigungsvertrag.

Prominentes Jubiläum und Kultur pur

Neben dem frischgebackenen Bundespräsidenten Christian Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel werden zahlreiche Politiker aus dem In- und Ausland kommen.  So diskutiert bereits am Samstagnachmittag Ministerpräsident Erwin Sellering (Mecklenburg-Vorpommern) in einem Podiumsgespräch mit Jugendlichen aus Ost und West über die Wiedervereinigung. Am darauffolgenden Tag sprechen auch die Ministerpräsidenten Stefan Mappus (Baden-Württemberg), Volker Bouffier (Hessen), Kurt Beck (Rheinland-Pfalz), Wolfgang Böhmer (Sachsen-Anhalt), Peter Harry Carstensen (Schleswig-Holstein) und weitere Landespolitiker mit Fernseh-Moderator Matthias Killing über ihre Erfahrungen mit 20 Jahren deutscher Einheit.

Ein zentrales Ereignis am Sonntagnachmittag ist die symbolische Amtsübergabe zwischen Bundesratspräsident Jens Böhrnsen und seiner designierten Nachfolgerin, der nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Frankreich und Russland schicken ihre Senatspräsidenten, die USA eine Delegation.

Auf vier Bühnen werden Bands, Tänzer und Theatergruppen auftreten, darunter Nena, Geiger David Garrett oder die ostdeutsche Kultband Silly. Olympiasiegerin Heike Drechsler und Literaturnobelpreisträger Günter Grass werden ausserdem zum Wochenende in Bremen erwartet.

Hauptbühne für die Feier ist die neue "Überseestadt". Dort präsentieren sich die Bundesländer mit Infoständen, Kunst und Kulinarischem auf einer eigenen Meile. Die Ausstellung "Bundesrat Kompakt" lädt anschlieβend alle zur Sammlung von Informationen zur Arbeit des Verfassungsorganes ein.

Berlin empört, die Jugend streikt


Doch die Deutschen haben geteilte Meinungen über dieses Event. Im Internet und auf den zahlreichen Blogs stapeln sich Artikel, die Aufrufe gegen die Veranstaltungen am 3 Oktober in Bremen starten. Jugendgruppen wollen gegen die Autoritäten demonstrieren und die Feiern boykottieren. Sogar Politiker kritisierten das Fest, teils auf absurde Weise. Vor allem in Berlin gibt es Streit: sollte nicht auch die Hauptstadt ein Event organisieren, als Symbol par Excellence des Jubiläums der Wiedervereinigung? Da in diesem Jahr nicht irgendein, sondern das wichtige 20-jährige Jubiläum der deutschen Einheit ansteht, hatte sich beispielsweise Klaus Wowereit Kritik eingehandelt, als er vor einiger Zeit verkündete, keine Veranstaltung in Berlin zu planen.

Doch auch der Sinn selbst einer solchen Veranstaltung wird vor allem von den Jugendlichen kritisiert. Nach 20 Jahren Wiedervereinigung wundert man sich jedoch, woher solche Bewegungen ihre Legitimität ziehen. Nach den aktuellsten Erfahrungen mit der Love Parade in Dortmund und den 1. Mai Aktionen in Berlin wird nun auch in Bremen die höchste Warnstufe ausgesprochen.

Ost und West wurden durch Einheit ersetzt, aber damit hat noch so manch einer Probleme. Umfragen ergeben, dass zehn Prozent der Befragten die DDR wieder haben wollen (bei den Arbeitslosen sind es sogar fast 26 Prozent), fast jeder Vierte schaut nostalgisch der Mauer hinterher. Die SED/PDS/Linke erreicht auβerdem regelmäßig 20 bis 27 Prozent der Stimmen.

Dem schlechten Ruf der früheren SED muss nun kontra gegeben werden, damit der Deutsche wieder den richtigen Optimismus in die Zukunft setzen kann. Am 3. Oktober wird wohl viel darüber diskutiert werden, aber die eigentliche Antwort bekommen wir wahrscheinlich erst in den nächsten 20 Jahren. Wir eifern noch immer der vereinten Einheit hinterher, mit oder ohne "Bundesrat Kompakt".

Der Tag wird dann auch noch von den besagten Terrorwarnungen stark beschattet. Knapp 3000 Beamte aus Bremen wie auch aus anderen Bundesländern sollen für die Sicherheit von Staatsgästen wie EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso und NATO Generalsekretär Fogh Rasmussen sorgen. Viele Stimmungsschwankungen also an diesem eigentlich feierlich erdachten Tag.

 

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