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Die Ursprünge des europäischen Gedankens
8. Jh. v. Chr.: Der Dichter Hesiod erwähnt erstmals Europa
In der griechischen Mythologie war Europa eine phönizische Königstochter. Zeus verliebte sich in sie, verwandelte sich in einen Stier und entführte sie nach Kreta, wo sie den legendären König Minos gebar.
Die Herkunft des Namens Europa ist ungewiss. Es kann sich um eine Zusammensetzung aus altgriechisch „eurys“ (weit) und „ops“ (Sicht, Gesicht) handeln, aber auch um eine Ableitung aus phönizisch „ereb“ (dunkel), mit dem das Abendland bezeichnet wurde. Der Name setzte sich bei den Griechen durch und bezeichnete alle Gebiete nördlich des Mittelmeers.
2. Jh. n. Chr.: Hochblüte des Römischen Reichs
Am Höhepunkt seiner Macht erstreckte sich das römische Reich über den gesamten Mittelmeerraum bis nach Kleinasien. Unter der Pax Romana (Römischer Frieden) entwickelte sich eine durch den griechischen Humanismus und die christliche Religion geprägte Kultur, die das Fundament der „europäischen Zivilisation“ darstellt.
800: Karl der Große wird Römischer Kaiser
Am Weihnachtstag des Jahres 800 wurde der Frankenkönig Karl vom Papst in Rom zum Kaiser gekrönt. Drei Jahrhunderte nach dem Fall des Römischen Reichs war Westeuropa nun erstmals wieder unter einer einzigen Krone vereinigt. Noch zu seinen Lebzeiten ließ sich Karl der Große sogar Pater Europae (Vater Europas) nennen. Doch die Zeit der europäischen Einheit währte nicht lange: Wenige Jahre nach dem Tod Karls des Großen wurde das karolingische Reich in Königreiche aufgeteilt, die schnell miteinander rivalisierten.
1556: Die Abdankung Karls V. beendet seinen Traum vom vereinten Christentums
Während des ganzen Mittelalters versuchte das Heilige Römische Reich vergebens, wieder den Status zu erlangen, den es unter Kaiser Karl dem Großen innehatte. Es verausgabte sich in einem anhaltenden Streit mit den Päpsten, die ihrerseits eine Vereinigung des Christentums unter der geistlichen Obrigkeit Roms anstrebten.
Unterdessen festigten die großen europäischen Königreiche, insbesondere Frankreich, ihre Macht. Trotz der politischen Zersplitterung erfuhr Europa eine gewisse wirtschaftliche, kulturelle und vor allem religiöse Einheit.
Im Jahr 1519 wurde Karl I. von Spanien zum römisch-deutschen Kaiser Karl V. gewählt. Er war überzeugt, in göttlichem Auftrag das Christentum unter seiner kaiserlichen Autorität vereinen zu müssen, und bemühte sich, seine Besitztümer durch eine Politik der Bündnisse und der Kriege zu vermehren. Doch sein Traum vom Weltreich stieß auf die Rivalität des Königs von Frankreich, auf den Aufschwung des Osmanischen Reichs und vor allem auf die von Martin Luther initiierte Reformation, die das Christentum erschütterte. Nachdem seine Hoffnungen enttäuscht wurden, verzichtete Karl V. schließlich auf seine Kaiserkrone.
1603: Johannes Althusius, erste föderalistische Gedanken
Die Theoretiker der europäischen Vereinigung suchten schon immer nach einem ausgewogenen Verhältnis zwischen der Einigkeit Europas und der Verschiedenartigkeit seiner Bestandteile.
Unter diesen Denkern war der deutsche Rechtsgelehrte Johannes Althusius (1557-1638) der Theoretiker des Subsidiaritätsprinzips, das der aktuellen Funktionsweise der Europäischen Union zugrundeliegt.
Diesem Prinzip zufolge muss jedes politische Problem auf entsprechender Ebene geregelt werden. Das höher gestellte Organ soll nur dann eingreifen, wenn seine höhere Effizienz erwiesen ist. Die Subsidiarität ist die Grundlage des Föderalismus.
Die Arbeiten an der Gliederung der Machtebenen nach Althusius wurden von Montesquieu und Proudhon fortgeführt.
1807: Blütezeit des napoleonischen Kaiserreichs
Für die einen verbreitete Napoleon Bonaparte in Europa die neuen Ideen der Französischen Revolution: Abschaffung der Privilegien, bürgerliches Gesetzbuch, individuelle Freiheiten... Für die anderen wollte er nur die Domination Frankreichs über die anderen Nationen bestärken.
In jedem Fall hatte Napoleon auch die Absicht, Europa zu vereinigen. Zum Zeitpunkt der päpstlichen Kaiserkrönung im Jahr 1804 erklärte der frisch gebackene Kaiser: „Ich bin nicht der Nachfolger von Ludwig XVI. sondern von Karl dem Großen.“ Er sollte zehn Jahre lang an der Macht bleiben.
Ab 1815 und dem Wiener Kongress kündigte sich eine Form der Zusammenarbeit an, die bis 1914 andauern sollte: das „Konzert“ der europäischen Großmächte mit regelmäßigen Zusammenkünften, bei welchen insbesondere Kriegsführung und Handel besprochen wurden.
1814: Saint-Simon schlägt die Gründung eines europäischen Parlaments vor
Zu Beginn der industriellen Revolution hatte der französische Philosoph Henri de Saint-Simon (ein Wegbereiter der Soziologie) die Eingebung, dass die neuen Techniken das Verhältnis der Staaten zueinander umwälzen würden.
Kurz vor dem Wiener Kongress veröffentlichte er eine Schrift mit dem Titel: „De la réorganisation de la société européenne“ (Von der Neuordnung der europäischen Gesellschaft). Sie handelt von der Notwendigkeit und den Mitteln, die Völker Europas in einem einzigen politischen Organ zusammenzuschließen und dabei jedem seine nationale Unabhängigkeit zu erhalten.
An die Spitze seines Aufbaus setzte er ein Parlament mit 240 Mitgliedern: „Europa hätte die bestmögliche Organisation, wenn alle dazu gehörigen Staaten, die jeweils von einem Parlament regiert werden, die Vorherrschaft eines über allen nationalen Regierungen stehenden Generalparlaments anerkennen wollten, das befugt wäre, über ihre Streitigkeiten zu urteilen.“
21. August 1849: Das Aufbegehren der Nationen inspiriert Victor Hugo zu seiner Rede über die Vereinigten Staaten von Europa
1848 verbreitete sich eine Revolutionswelle in ganz Europa: Italien, Österreich, Deutschland, Frankreich, Ungarn... Die Bevölkerung erhob sich und rief nach mehr Freiheit. In Österreich waren diese Erhebungen von nationalistischen Forderungen begleitet.
Der französische Schriftsteller und Abgeordnete Victor Hugo sah im Aufbegehren der Nationen die Verheißung einer europäischen Vereinigung. Beim Pariser Friedenskongress im Jahr 1849 kündigte er an: „Ein Tag wird kommen, wo ihr, Frankreich, Russland, Italien, England, Deutschland, all ihr Nationen des Kontinents, ohne die besonderen Eigenheiten eurer ruhmreichen Individualität einzubüßen, euch eng zu einer höheren Gemeinschaft zusammenschließen und die große europäische Bruderschaft begründen werdet.“
Die Erinnerung an Napoleon und die Revolutionen von 1848/1849 machten den Mythos eines „europäischen Reichs“ zunichte, der durch den Plan einer bundesstaatlichen Organisation ersetzt wurde. Doch die Träume vom Frieden unter den europäischen Nationen sollten bald kriegslustigen Nationalismen weichen, die zu den beiden großen Kriegen des 20. Jahrhunderts führten.


















