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1918-1944

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1918-1944: Der europäische Gedanke zu Beginn des 20. Jahrhunderts Version française Version anglaise

1918: Louise Weiss und die Friedensbewegung


Noch vor Ende des Ersten Weltkriegs zeichnete sich bereits eine weitläufige Friedensbewegung ab. Die durch die besonders mörderischen Kämpfe tief geprägten Pazifisten strebten eine Annäherung der europäischen Staaten und den Frieden in Europa an. Louise Weiss, eine französische Journalistin und Politikerin, war ein markantes Mitglied dieser Bewegung und gründete im Januar 1918 die Wochenzeitschrift „L’Europe nouvelle“ (Neues Europa), die zum Frieden und zur Eintracht unter den europäischen Staaten aufforderte.

 

1922: Gründung der Paneuropa-Union

Im November 1922 schlug der Österreicher Richard Graf Coudenhove-Kalergi ein Paneuropa vor: einen europäischen Staatenbund, der dem Alten Kontinent wieder zu seinem Platz in der Welt verhelfen sollte. Darauf folgte die Gründung der Paneuropa-Union. 1923 veröffentlichte er ein Manifest namens Pan-Europa, dessen Titel danach für eine Monatszeitschrift verwendet wurde.
Coudenhove-Kalergi sah in der deutsch-französischen Versöhnung eine Voraussetzung für den Frieden und schlug vor, den deutschen Kohle- und den französischen Erzabbau zusammenzuschließen, um eine paneuropäische Eisen- und Stahlindustrie aufzubauen. In Weiterentwicklung dieser Idee schwebte Coudenhove-Kalergi langfristig eine Zollunion vor, die zur Bildung der Vereinigten Staaten von Europa führen sollte. Der europäische Staatenbund sollte die Souveränität der Staaten respektieren, doch gemeinsame Institutionen, eine gemeinsame Staatsbürgerschaft, eine gemeinsame Währung und ein militärisches Bündnis beinhalten.

 

1924: Der Völkerbund, ein Forum für Europa

Der 1919 gegründete Völkerbund war eine institutionelle Antwort auf das pazifistische Versöhnungsideal. Er hatte seinen Sitz in Genf und galt als Club der europäischen Siegermächte: Weder die Vereinigten Staaten noch Deutschland gehörten dazu. Der Völkerbund konzentrierte sich damals hauptsächlich auf europäische Probleme. Als Diskussions- und Ideenforum trug er zum Aufbau des europäischen Gedankens bei und befürwortete Entspannung und Abrüstung sowie die Organisation einer gemeinsamen Sicherheit.
Bei der fünften Generalversammlung des Völkerbundes in Genf im Jahr 1924 plädierte der französische Außenminister Aristide Briand dafür, dass Frankreich ein Protokoll über Schiedsgerichtsbarkeit, Sicherheit und Abrüstung ratifizierte. Deshalb gab ihm die ebenfalls anwesende Louise Weiss den Namen „Friedenspilger“. Doch der Völkerbund sollte sich als zu schwach herausstellen und die Verfechter des Friedens und der europäischen Zusammenarbeit enttäuschen.

 

16. Oktober 1925: Der Vertrag von Locarno, ein erster Schritt zur deutsch-französischen Annäherung

Am 16. Oktober 1925 unterzeichneten Aristide Briand und Gustav Stresemann zum Abschluss mehrtägiger Verhandlungen in Locarno ein Protokoll, das nicht nur die Grenzen zwischen Frankreich, dem deutschen Reich und Belgien anerkannte, sondern auch einen gegenseitigen Garantiepakt umfasste. Durch den Vertrag von Locarno wurde Deutschlands internationale Isolation unterbrochen und es trat 1926 dem Völkerbund bei. Im selben Jahr wurde den beiden Männern für ihr Zusammenwirken der Friedensnobelpreis verliehen.
1929 schlug Briand, unterstützt von Stresemann, dem Völkerbund das erste offizielle Projekt einer europäischen Union vor, die vorwiegend den wirtschaftlichen Bereich betreffen und die Souveränität der einzelnen Staaten wahren sollte. In dem Projekt war die Bildung eines gemeinsamen Marktes vorgesehen, die 1957 in den Römischen Verträgen wieder aufgenommen wurde. Doch der erwähnte „Staatenbund“ konnte die europäischen Funktionäre, insbesondere den damaligen britischen Finanzminister Winston Churchill, nicht begeistern. Das Projekt wurde nach dem Tod Briands im Jahr 1932 aufgegeben.

 

1930: L'Ordre nouveau, für ein humanes Europa

Die Finanzkrise von 1929 hinterließ einen tiefen Eindruck im europäischen Bewusstsein. L’Ordre nouveau (Die neue Ordnung), eine vom französischen Schriftsteller Alexandre Marc gegründete Bewegung, lehnte die durch die Krise ausgelöste Anarchie ab.
Diese Bewegung stützte sich auf das Konzept des Personalismus, der sich vom Individualismus dadurch unterscheidet, dass die Person hier als Bestandteil einer Gemeinschaft betrachtet wird. Der Personalismus führt zu einer föderalistischen Auffassung der politischen Organisation, in welcher die Gemeinschaften (Gemeinden, Regionen...) miteinander verbunden und zugleich völlig autonom sind.
Unter Zugrundelegung dieser Ideologie hoffte Marc, die europäischen Bevölkerungen einander anzunähern, um Europa eine menschliche Dimension zu verleihen. Der Schweizer Philosoph Denis de Rougemont gehörte ebenfalls zum Ordre Nouveau. Er wirkte an der gleichnamigen Zeitschrift sowie ab 1931an der Zeitschrift Esprit von Emmanuel Mounier mit.

 

1941: Die europäische Bewegung im Widerstand

Der europäische Gedanke war auch sehr präsent in den Widerstandsbewegungen, die den demokratischen Charakter des zukünftigen vereinten Europas betonten. Das Manifest von Ventotene, das den Titel „Für ein freies und vereintes Europa“ trägt, wurde 1941 in Gefangenschaft vom italienischen Widerstandskämpfer Altiero Spinelli mit Hilfe seines Mitgefangenen Ernesto Rossi verfasst.
Die zweite Schrift, „A l’échelle humaine“ (dt.: Blick auf die Menschheit) des französischen Sozialisten Léon Blum, wurde ab 1941 unter der Hand verteilt und erst nach Ende des Krieges veröffentlicht.
Diese Autoren waren überzeugt, ein europäischer Bund könne den Frieden innerhalb des Alten Kontinents garantieren, insbesondere durch die Bildung gemeinsamer militärischer Streitkräfte.
Die nicht kommunistischen europäischen Mächte trafen 1944 in Genf zusammen und arbeiteten dort an einer Erklärung der europäischen Widerstandsbewegungen. Dieser mit den Schriften Spinellis und Blums geistesverwandte Entwurf schnitt auch die Notwendigkeit an, zur Wahrung des Friedens über die Staatssouveränität hinauszuwachsen und einen Staatenbund zu bilden.

 

1942: Winston Churchills Memorandum über die Vereinigten Staaten von Europa

Als Verfechter der Zusammenarbeit zwischen den Staaten schlug Winston Churchill, inzwischen britischer Premierminister, 1940 eine französisch-britische Union vor, die gemeinsame Institutionen in den Bereichen Verteidigung, Außenpolitik, Finanzen und Wirtschaft vorsah. Dadurch sollte verhindert werden, dass Frankreich mit Deutschland einen Waffenstillstand unterzeichnete.
Nach der Ablehnung durch Frankreich verfasste Churchill 1942 ein Memorandum über die „Vereinigten Staaten von Europa“. Nach der Feststellung, dass Europa im Mittelpunkt von zwei Weltkriegen stand, schlug er vor, der zwischenstaatlichen Gewalt durch eine Union der europäischen Völker abzuhelfen. Im September 1946 nahm Churchill diese Idee in einer Rede an der Universität Zürich wieder auf: Er erkenne in Europa ein gemeinsames Erbe, das der Bildung einer „europäischen Familie mit regionalem Aufbau unter dem Namen ‚Vereinigte Staaten von Europa’“ als Grundlage dienen könne.